Fliegende Blätter — 12.1850 (Nr. 265-288)

Seite: 129
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Zwei Nächte.

(Schluß.)

So mochte er eine Stunde fortgeritten sein, als er vor sich
Pferdegetrappel hörte und eine Uhlanenpatrouille einholte, von
welcher er erfuhr, daß sich das vierte Armee-Corps in Casal
Pusterlengo befinde. „Wenn Sie etwas scharf reiten," sagte
ihm der Führer der Patrouille, „so werden Sie in Kurzem
auf eine Schwadron Chevauxlegers stoßen, welche die Nachhut
bildet." Der Rappe flog gehorsam dem Schenkeldruck davon
und bald sah der junge Ordonnanz-Offizier vor sich eine Masse
Cavallerie, sah matt leuchtende Helme und weiße Mäntel
durch das Dunkel der Nacht schimmern. In Kurzen! hatte
er die Schwadron erreicht und fand seinen Freund, den er
Nachmittags unter der Veranda an der Adda gelassen. Beim
Anblick desselben, durchnäßt, beschmutzt, den Mantel schwer
herabhängend, das Pferd mit eingezogenem Schweife gehend,
konnte er sich eine Idee machen, wie er selbst aussehen müsse.
Die Leute ritten still und mißmuthig ihres Weges, denn
keiner von ihnen hatte einen trockenen Faden am Leibe.

Der Chevauxleger-Offizier bemühte sich, eine sehr durch-
feuchtete Cigarre brennend zu erhalten. „Verdammtes Wetter!"
rief er dem Ordonnanz-Offizier zu, „wir haben eine brillante
Nacht gehabt. Hat bei Euch drüben auch der Gewitter-
sturnl so gehaust?" Jetzt ritten auch die anderen Offiziere
der Schwadron, nachdem sie einen Kameraden bemerkt, der
nicht zu ihnen gehörte, heran und erkundigten sich, wie es
in Pizzeghettone und Formariga ausschane.

„Habt Ihr auch bemerkt," sagte der Rittmeister, „wie
die Brücke in die Luft flog? Ein merkwürdig schöner Anblick,
und hat's nicht gekracht, als wenn zehntausend Geschütze ge-
löst würden. Gratulire den armen Teufeln, die da um den
Weg waren."

___

„Es sieht schauerlich da drinnen aus," entgegnete Graf S.,
„doch glaube ich nicht, daß einem der Unseren etwas passirt
ist. Aber von ihren eigenen Leuten haben sie genug mit in
die Luft hinauf gesprengt. Doch nehmt mir's nicht übel,
Ihr reitet mir zu langsam, ich will sehen, daß ich durch-
komme. Ich versicher' Euch, an meinen Steigbügeln läuft
so viel Wasser herunter, um ein Pferd zu schwemmen."

„Meinst du vielleicht, wir seien trockner?" sagte lachend der
Chevauxleger-Offizier, „aber du hast Recht, reit' nur zu und
mach' uns in Pusterlengo ein ordentliches Quartier. Addio!"

Wir wollen nur gestehen, daß eine süße, angenehme Erin-
nerung den jungen Offizier nach dem benannten Orte hinzog.
„Ei!" dachte er, „das Kriegsspiel wirft dich dort hinein, in
denselben Ort, den du freiwillig nicht ausgesucht hättest; viel-
leicht sogar in ihr Haus, unter ihr schützendes Dach." Und
nun malte er sich mitten in dem herabrieselnden Regen ein
angenehmes behagliches Bild aus, wie er vor das Posthaus in
Pusterlengo reiten, absitzen, eintreten wolle, und zu dem erstaun-
ten Mädchen sagen: „Siehst du, Teresina, da bin ich wieder,
nach vier Jahre langer Abwesenheit und ich hätte dich auch
heute nicht wieder gesehen, denn du hattest es mir verboten;
doch bin ich hieher befehligt, wir leben im Kriege und im Kriege
kann man es nicht so genau nehmen." Dann wird sie lachen,
dachte er ferner, und da schon in ihreni Hause viele Offiziere
wohnen, wegen den Stallungen vielleicht sogar das Haupt-
Quartier dort liegt, so wird sie für den Bekannten so ein
kleines hübsches Hinterstübchen aufschließen, das in den Garten
hinausgeht, und ihn da heimlicher Weise einquartieren. Wie
mag die Kleine heute ausschauen! etwas stärker, vielleicht der
Blick des Auges etwas schmachtender und wenn sie lacht, zeigt
sie ihre schönen weißen Zähne noch mehr wie damals.

Unter diesen Gedanken war er scharf zugeritten, hatte Fuhr-
werk und Artillerie passirt und war mit Mühe unverletzt zwi-

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