Fliegende Blätter — 4.1846 (Nr. 73-96)

Seite: 137
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IV. Band.

Geschichte« aus der Heimath.

Von Fr. Hilarius.

I. Gertraud vo« der Oed'.

Ich seh' sie noch, wie sie leibt und lebt, die schwarze
Life oder die Dorfhexe, wie wir Jungen sie nannten. So
oft wir sie von weitem erblickten, mit dem schleppenden Gang
und dem wackelnden Kopf, ward uns gruselig zu Muthe, und
wir gingen ihr aus dem Wege, so weit wir konnten. Sic war
das Schreckbild im ganzen Dorfe, und wenn wir Buben allzu-
arg tobten, wie es zuweilen geschah, so verfehlte eine Drohung

mit der schwarzen Life ihren Zweck gewiß nicht. Ich weiß,
daß sich selbst die Knechte und Dirnen vor ihr scheuten, und
unser Nachbar, der Bader, sonst ein aufgeklärter Kopf, meinte,
es sei eben doch nicht recht just mit ihr, und die Hexenprozesse
hätten alleweil hie und da ihr Gutes gehabt. Wenigstens sei
es um eine so alte Vettel nicht Schade, von der er gewiß wüßte,
daß sie es den Schweinen des Kirchenpflegers angethan, und
die er selber in der Johannisnacht aus einer Ochsenhaut habe
sitzen sehen mitten auf der Dachfirste. — Die Scheu vor der
schwarzen List dauerte, so lange ich daheim war. Nachgerade
kam meinem Vater zu Sinne, er wolle aus mir einen vorneh-
men Herrn machen; drum schickte er mich zur Stadt in die
lateinische Schule. Das war eine traurige Zeit, und man
gönnte mir des Jahrs nur ein Paar kurze Herbstwochen, um
unter der Dorflinde meine alten Bekanntschaften zu erneuern. —
Was ist es doch Wunderbarliches um die Liebe zur Heimath!
Wie erquicklich dünkte mir die Aussicht in die endlose Moor-
ebene, die unser Dörflein nach allen Seiten umschloß, und auf
den schleichenden, müden Bach, an dessen sumpfigen Ufern da
und dort eine einzelne verkrüppelte Esche oder Weide die mageren
Aeste langweilig ausstrcckte. Selbst die schwarze List, als sie
mir das erste Mal in den Weg kam, schien mir nicht halb-
wegs so schreckhaft, als ehevor, und ich konnte es nicht über-
winden, ihr stöhlich einen guten Abend zuzurufen. Das muß
dem armen Weibe wohl sondcrbarlich ausgefallen sein, denn
sie hob den wackelnden Kopf hastig in die Höhe, schaute mich
lange mit ihren blinzelnden, unruhigen Augen an, und erwiderte
darauf meinen Gruß in gedehntem, wehmüthigen Tone. Cs
lag in der That etwas gewaltig Schmerzliches in dem Klange -
ihrer Stimme, das mir die ganze Ferienzeit über nicht mehr
aus den Ohren verklingen wollte. Ein tiefes Mitleid über das
verlasiene, von Allen gescheute Weib übcrkam mich, und steigerte

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Objekt
Titel: Fliegende Blätter
Detail/Element: "Geschichten aus der Heimath"
Künstler/Urheber: Muttenthaler, Anton 
Inv.Nr./Signatur: G 5442-2 Folio RES
Aufbewahrungsort: Universitätsbibliothek Heidelberg 
Schlagwort: Junge <Motiv> 
Erzählen <Motiv> 
Zuhören 
Ältere Frau <Motiv> 
Karikatur 
Satirische Zeitschrift 
Bauernstube 
Herstellungsort: München 
Bildnachweis: Fliegende Blätter, 4.1846, Nr. 90, S. 137
Aufnahme/Reproduktion
HeidICON-Pool: UB Fliegende Blätter 
Copyright: Universitätsbibliothek Heidelberg Die Nutzung dieses Werkes ist gemäß den Bedingungen der Creative Commons-Lizenz CC-BY-SA erlaubt (Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen).
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