Schmidt, Richard  
Fakire und Fakirtum im alten und modernen Indien: Yoga-Lehre und Yoga-Praxis nach den indischen Originalquellen — Berlin, 1908

Seite: 144
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zählt, der ehemalige Vicekönig von Decan und nachherige Kaiser
Aurengzeb, habe einstmals die Fakire dieses Landes, als ihm
hinterbracht worden sei, daß dieselben in den Falten und Näthen
ihrer Lumpen viel Gold und Juwelen verborgen hätten, sammt
und sonders nach der Hauptstadt berufen und sie zu einem
großen Gastmahle einladen lassen. Nach dessen Beendigung
ließ er so viele neue Kleider herbeiholen, als Gäste zugegen
waren, und ihnen dieselben mit den Worten überreichen, da es
nicht mehr als billig sei, daß Leute, die sich dem Dienste Gottes
auf eine so vorzügliche Weise gewidmet hätten, wenigstens an-
ständig gekleidet wären, so sollten sie ihre Lumpen ablegen, und
von diesen neu verfertigten Kleidungsstücken Gebrauch machen.
Die äußerst bestürzten Fakire machten zwar tausender Ein-
wendungen, und beriefen sich auf ihre heiligen Gebräuche, die
ihnen durchaus nicht gestatteten sich umzukleiden; Aurengzeb
aber gab schlechterdings nicht nach, und die Heuchelei dieser
Elenden ward an den Tag gebracht.

Einige Jabesi, Joghi und Fakire, rühmen sich, zukünftige
Dinge vorher sagen, Schätze graben, und Alles, was man nur
will, in Gold verwandeln zu können. Macht man ihnen den Ein-
wurf, daß der Kontrast zwischen ihrer Bettelei und diesem
übernatürlichen Wirkungsvermögen etwas stark sei, so sind sie
gleich mit der Antwort fertig, daß ihnen solches bloß zum Besten
ihrer Nebenmenschen, nicht aber zu ihrem eigenen, verliehen sei,
und daß sie befürchten müßten, dasselbe sogleich zu verlieren,
wenn sie es zu ihrem eigenen Vortheile mißbrauchten. Diese
Kerls, und ihre verblendeten Anhänger reden von nichts als
Entzückungen, göttlichen Eingebungen, Erscheinungen, Vi-
sionen, und anderen dergleichen Dingen, die nur die unver-
schämteste Betrügerei aushecken kann.

Oman sagt (p. 186) über die Yogins unserer Tage: Die Tat-
sache läßt sich nicht leugnen, daß die Yoga-Praxis von vielen
ernsten Männern von fraglos hoher Gesinnung ausgeübt wird;
aber unglücklicherweise kann man dies von der Mehrzahl der
Yogins des zwanzigsten Jahrhunderts nicht behaupten, die
unter der Maske von Asketen das Land durchziehen und von
der frommen Gläubigkeit der Masse leben: sie sind nichts weiter
als unwissende, wertlose Betrüger, ja, selbst gefährliche In-
dividuen.
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