Zeitschrift für christliche Kunst — 15.1902

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1902.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 10.

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Bücherschau.

Forschungen über Florentiner Kunstwerke
von Professor Dr. Heinrich Brockhaus, Direktor
des Kunsthistorischen Instituts in Florenz. Mit 13
Tafeln und 43 Text-Abbildungen. Leipzig 1902.
F. A. Brockhaus. (Preis geb. 30 Mk.)
Bis zu welchem Mafse der Direktor des Kunst-
historischen Instituts seinen bereits mehrere Jahre um-
fassenden Aufenthalt in Florenz auiser der hingeben-
den, erfolgreichen Pflege seiner wichtigen Stellung
auch zur Prüfung und Lösung kunstgeschichtlicher
Fragen von grolser örtlicher und allgemeiner Bedeu-
tung benutzt hat, beweist der vorliegende Prachtband,
der nach seiner äufseren Erscheinung, wie nach seinem
inneren Gestalt eine sehr vornehme Leistung ist. —
Es handelt sich um vier Kunstwerke, von denen
das eine weltberühmt ist, die dritte von Ghiberti ge-
gossene Thüre des Baptisteriums; das zweite, längst
bekannt, aber hinsichtlich seines Ursprungs und Zu-
sammenhangs neuerdings erst wiedererkannt ist: das
Altarbild der Mediceer-Kapelle in der Berliner National-
gallerie; das dritte, das vor 3 Jahren in der Kirche der
Annunziata durch den Verfasser entdeckt wurde: das
Fresko der Dreieinigkeit von Andrea del Castagno; das
vierte, das vor 4 Jahren in der Kirche Ognissanti zu Tage
trat: das Familienbild der Vespucci. — Diesen vierKunst-
werken widmet der Verfasser eingehende Erörterungen,
die über jedes derselben neues Licht verbreiten auf
Grund urkundlicher Forschungen und sorgfältiger
Beobachtungen.

Ueber die Entstehung der Felderzahl, die An-
ordnung der Ornamente, die Gestaltung der Architek-
turen, namentlich des salomonischen Tempels und der
Empfangshalle Salomons auf der Paradiesespforte
Ghibertis, bringt der Verfasser überraschende, hoch-
interessante Aufklärungen.

Jn die Malereien der Hauskapelle der Medici trägt
der Verfasser endlich Verständnifs durch den Nach-
weis, dafs das Anbetungsbild von Filippo Lippi im
Berliner Museum ursprünglich den Altar derselben ver-
zierte, und was er über die Darstellung der das vor
ihr liegende Kind knieend anbetenden Mutter und
namentlich auch über die beiden dieselben verherr-
lichenden Weihnachtslieder von Lucrezia de' Medici
sagt, verdient alle Beachtung.

Die Erklärung des durch grofse Strenge sich aus-
zeichnenden Dreieinigkeitsgemäldes findet ihre Er-
gänzung durch interessante Nachrichten über die
Stiftung der Kapelle wie über dessen Aufdeckung.

Das Familienbild der Vespucci, eine epoche-
machende Entdeckung, wird nach der ikonographischen
Seite erklärt: die Beweinung Christi und besonders
im Felde darüber die (in den letzten Jahrhunderten
des Mittelalters aufserordentlich beliebte) Darstellung
der Madonna della Misericordia, der Gottesmutter mit
ihren Verehrern unter dem Schutzmantel. Vor Allem
kommt es dem Verfasser darauf an, die Familien-
porträts der Vespucci, welche unter dem Schutzmanie]
knieen, festzustellen durch die sorgfältigsten Unter-
suchungen über den Stammbaum der Familie, deren
Mitglied Amerigo, der Mitentdecker und Namengeber
Amerikas, nach Vasari's Mittlieilung, hier abgebildet
sein sollte. Um diese Frage näher zu prüfen, ver-

anstaltet der Verfasser sehr umständliche Nachfor-
schungen nach den Porträts Ainerigo's, die, obgleich
untereinander sehr verschieden, auf dieses Fresko
zurückführen, weil auf Grund obiger '1 radition, bald
die eine, bald die andere Figur für ihn angesprochen
wurde. Die mühsame Untersuchung zeigt, wie Vieles
aus einer solchen Stiftergruppe für die Familienge-
schichte, für Entstehungszeit und -Umstände eines
Kunstwerkes gefolgert werden kann. — Die Ab-
bildungen, auch die detailirten, sind sämmtlich musler-
haft und eine Bereicherung des an Reichhaltigkeit
kaum Ubertroffenen Florentiner Bilderschatzes. R.

Anleitung zur Anfertigung kirchlicher
Handarbeiten von F. M. Glassen. Mit 84
Text-Illustrationen. Verlag von L. Auer, Donau-
wörth 1903. (Preis geb. 4 Mk.)
Dafs Frauen ihre Fertigkeiten und Erfahrungen
auf dem Gebiete der Handarbeiten, namentlich der
für den Schmuck des Heiligthums bestimmten, nicht
nur durch private Unterweisungen, sondern auch durch
Veröffentlichungen zum Gemeingut zu machen bestrebt
sind, ist aufs dankbarste zu begrüfsen. Jede Stickerin,
die zu unterrichten und gar zu schreiben versteht, ver-
fügt über einen Schatz von Kenntnissen, dessen Er-
haltung von Wichtigkeit ist; je schlichter und ein-
gehender der Unterricht, um so wohlthätiger wird
seine Wirkung sein. Neben dem technischen Können
ist die Vertrautheit mit den liturgischen Bestimmungen,
wie mit den korrekten Formen erforderlich, daher bei
den einzelnen Stilarten der Anschlufs an ältere Muster
nicht zu umgehen, und wenn, wie es recht ist, in
deren Geist weiter entworfen werden soll, dann ist
genaue Kenntnifs auch der Einzelheiten am Platze.
— Die Grundsätze, die das vorliegende Kleinfolioheft
beherrschen, sind durchweg gut. Die Anweisungen
mannigfaltig und klar, weil aus langjähriger, mit edler
Hingebung gepflegter Praxis hervorgegangen. Ueber
„Stoff und Verzierungsweisungen der kirchlichen
Leinenwäsche" informirt der»I. Theil, der nach viel-
fachen Belehrungen mehr allgemeiner Art, dem ..klei-
neren" sodann dem „gröfseren kirchlichen Weifszeug",
zuletzt den „priesterlichen Leinengewändern" sich
widmet, und hinsichtlich der Verzierungsstreifen mit
Vorlagen an die Hand geht, unter denen die Filet-
und Kreuzstichmuster die besten, aber auch andere
zu empfehlen sind. Manche beachtenswerlhe Fingerzeige
sind hier geboten. — Der II. kleinere Th e il beschäf-
tigt sich mit den Seidenparamenten, ihrem
Grundstoff und ihren Verzierungsarten, und
aufser dem priesterlichen Meisornat, den Levitenklei-
dern und sonstigen Paramenten werden sogar die
bischöflichen Gewänder behandelt unter Beifügung von
Vorbildern, sowie von zahlreichen Angaben und Rath-
schlägen, die aus der Erfahrung herausgewach-
sen, für Manche dienlich sind, weniger für solche,
deren Ideal die strengen mittelalterlichen Formen
bilden. — Der Anhang ertheilt vielfache Winke in
Betreff des Aufzeichnens von Mustern, ihres Ver-
gröfserns, Zusammensetzens, sowie hinsichtlich des Auf-
bewahrens der Paramente, der Behandlung von Fahnen,
der Anfertigung künstlicher Blumen u. s. w.; also über-
reiches Lehrmaterial für geringen Preis I B.
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